Hier sangen früher Reifen (Asphaltgesänge)
von Frank Wairer
Das Geräusch, soviel ich weiß, entsteht es, wenn Autoräder über eine Fahrbahn rollen.
Reifengummi, prall mit Luft gefüllt, auf den Poren glatten Asphalts. Das Rauschen eines
von weit weg schnell sich nähernden Fahrzeugs. Dieser Klang, von Bäumen, Böschungen,
Brückenpfeilern hundertfach gebrochen und vermischt. Jetzt ganz nah und laut. Der Moment des
größten Lärmens, wenn der Ton in einem Nu sich ändert und tiefer wird. Und dann noch lange
sich entfernend, sehr lange und immer leiser werdend, das Singen der Reifen auf Asphalt.
Du lauschst. Es ist weg.
Je stiller die Nacht, desto klarer dieser Klang in meinen Ohren, er gehört zu den Sommern meiner
Jugend. War das Fenster gekippt oder ganz offen hinter einem rotorangenen Vorhang, kam er mit
wunderbar lauen Lüften und Düften herein. Ich, lesend und einschlafend im Bett, höre ihn
in Momenten höchster Behaglichkeit. Er verschmilzt mit der Ruhe des ausklingenden Tages, der
gewissen Müdigkeit und der Wärme von Kissen und Decken zu einem großen Lied von Abenteuer
und von fernen Zielen. Asphaltgesänge.
Aber mit den Jahren und in dem Maß, in dem die Zahl von Autos auf dem Schnellweg wuchs,
schwand das Hörerlebnis. Es wich dem Rauschen andauernden Verkehrs.
Was war eigentlich vor dem Schnellweg?
Lange bevor die Reifen sangen, spielte ich auf der halb fertigen Fahrbahndecke. Ich ließ einen
Drachen steigen. Und der Sandberg, den die Arbeiter aufgeschüttet hatten: größer als alles,
was ich bis dahin gesehen und bestiegen hatte: ein Gebirge, in dessen Hängen ich Plastikritter,
Cowboys und Indianer postierte und nicht wiederfand: Lederstrumpf begraben an der Biegung des
Flusses, Rulaman nachts in der Tulkahöhle, die Nibelungen für immer verschollen.
Ein Zitat aus Opas Heldensagenbuch von vor dem Krieg, ich las es oft und fasziniert: Eckesachs
und Balmung klirrten funkenschlagend aufeinander und mit dem Könige Gunther stritt Meister
Hildebrand. Wie alt bin ich? Acht, neun Jahre? Nicht Siegfried ist mein Held, sondern Wittich,
der mit inneren Drachen kämpft und fällt.