Brendlorenzen anno 1955


Eigentlich muß man nicht wissen wo unser Dorf liegt. Es könnte sich überall im Bayern der Fünfziger Jahre befinden. Wichtig ist nur, daß es möglichst weit von München entfernt ist. Andererseits kann es aber nicht schaden wenn man weiß, wo unsere Radler zur großen Bayernrundfahrt gestartet sind.

Damals war Brend, wie es die Einheimischen verkürzt nennen, noch eine selbstständige Gemeinde im Landkreis Bad Neustadt an der Fränkischen Saale. Inzwischen wurde Brend von Neuscht, die fränkische Kurzform für Neustadt, verschluckt und ist nun ein Ortsteil der Kreisstadt Rhön-Grabfeld.

Besonders stolz waren und sind die Brender auf ihre Alte Pfarrkirche die schon über 1200 Jahre auf dem Gemäuer hat.

Der Marktplatz von Neuscht liegt nur einen Katzensprung von der Brender Kirche entfernt. Wenn man nach Neuscht hinüberspaziert überquert man die Brend, einen Bach der aus der Rhön herunter kommt, auf einer alten Bogenbrücke. Ob nun der Bach nach dem Dorf benannt ist oder umgekehrt habe ich noch nicht herausgefunden. Für uns Kinder war der Bach und die Allee die seine Ufer säumt, ein toller Abenteuerspielplatz. In den Ferien hatten wir Kinder die Aufgabe die Gänse an der Brend zu hüten. Da die Vögel aber gut auf sich selbst aufpassen konnten, gingen wir ans Kalte Wehr zum Baden. Eine andere Beschäftigung war das Krebse fangen, dazu brauchte man nur die größeren Steine umzudrehen. Dabei mußte man aufpassen, daß man nicht in die Zehen gezwickt wurde.

Die Bollersteine dienten aber nicht nur als Schutzbehausung für die Krebse, sie wurden auch als Pflastersteine verwendet. Im Winter wurden sie auf den Holzherd gelegt und aufgeheizt. In alte Lumpen gewickelt dienten sie als "Wärmflaschen" in den ungeheizten Schlafzimmern.

In der Nachkriegszeit kamen viele Flüchtlinge in unsere Gegend. Eine neue Siedlung, die heutige Gartenstadt, wurde gebaut. Beim Bau dieses Ortsteil wurden die damals üblichen Plumpsklosetts mit einer Wasserspülung versehen. Mit dem Fortschritt wurde nun der ganze Unrat in die Brend entwässert. Das hatte zur Folge, daß es am kalten Wehr anfing zu stinken. Wir konnten nicht mehr in der Brend baden und die Krebse verabschiedeten sich für immer.

Das Hohentor ist das Wahrzeichen
von Bad Neustadt

Das Tor ist Teil der Stadtmauer aus den 13. Jahrhundert. Die Altstadt liegt auf einer Anhöhe an der Mündung der Brend in die Fränkische Saale. Ein Spaziergang um die Stadtmauer gewährt schöne Ausblicke in das Saaletal und auf die Hügelkette die Bad Neustadt umgibt.

Nach einem Rundgang durch die Stadt empfehle ich einen Besuch in der Weinstube Dörr. Hier ist der beste Platz um sich bei einem guten Schoppen Frankenwein auf die bevorstehende "Radtour" einzustimmen.

Bad Neustadt hatte in jener Zeit einen richtigen Umsteigebahnhof. Wer wollte konnte mit der Bahn von Neuscht nach Brend fahren. Die Züge wurden noch von Dampfloks gezogen, ich glaube die Fahrkarte hat 20 Pfennig gekostet. In Lorenzen fuhren die Züge dicht hinter den Scheunen vorbei. Hin und wieder geriet ein Heuschober durch den Funkenflug der Dampflock in Brand. Dann riefen die Brendlorenzer "Lorenzen brennt". Der Bahnhof von Neustadt existiert noch, die Nebenstrecken nach Bischofsheim in der Rhön und die Linie nach Bad Königshofen wurden in empfehlenswerte Radwege umgewandelt.

Ich war damals Stift im 1. Lehrjahr und habe im Monat DM 25,-- bekommen. Aber ich will nicht ungerecht sein und eine Umrechnung vornehmen: Eine Halbe oder ein Wurstsemmel kosteten damals 50 Pfennig im Gasthof Kehl. Heutzutage zahlt man für eine Halbe mehr als zwei Euro, also DM 4,-- bis 5,--. Der Kaufwert war danach gerechnet 10 mal so hoch wie heute. Bei sonst gleichen Voraussetzungen müßte ich heute also 125.-- Euro im Monat bekommen.

Meinen ersten Monatslohn habe ich für die Anzahlung eines Sportrades mit Fichtel&Sachs 3-Gang-Schaltung verwendet und dann mit 5 DM/Woche abgestottert. Die zweite Anschaffung war ein kleines Hauszelt von Sportberger für DM 75,--. Bei meinen Freunden sah alles ähnlich aus. Als wir uns von unseren Reiseinvestitionen erholt hatten und ein kleines Taschengeld zusammengespart hatten, beschlossen wir eine Große Radtour zu machen, um die Welt kennen zu lernen.

Bevor wir durchstarten, möchte ich noch schnell meine Reisebegleiter vorstellen. Alle Fünf wohnten in Brendlorenzen, wir sind von Jahrgang 1939 und besuchten die gleiche Klasse der Volksschule. Beim TSV-Brendlorenzen gab es neben der Fußballmannschaft auch noch eine große Leichtathletik-Abteilung. In den umliegenden Dörfern und Städtchen gab es viele Sportfeste, die wir immer mit dem Fahrrad besuchten. Das einzige Bild aus der damaligen Zeit, auf dem wir alle Fünf zu sehen sind, entstand bei einen Bezirkssportfest in Mellrichstadt.

Ein Teil der Leichtathletikcrew
des TSV Brendlorenzen
beim Bezirkssportfest in Mellrichstadt.(1955)
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Rudolf - Horst - Dieter
Walter - Heinz - Kurt

Ein anderes Bild zeigt uns bei einem Frühjahrsausflug in die Rhön. Beim Pflöggeles-Spiel haben wir uns dann die Zeit vertrieben. Das Spiel ist heutzutage in Vergessenheit geraten. Es geht dabei darum seinen eigenen Pflock möglichst fest in den Boden zu rammen. Die Gegner versuchen nun der Reihe nach, den lockersten Pflock umzuschlagen. Gelingt es einem Spieler einen Pflock zu lockern, dann versucht der Nächste diesen herauszuschlagen. Sein Eigner scheidet aus.

Mit Lumberjack und Knickerbocker
nach der Neusten Mode gekleidet
sehen wir hier die Brender Jugend
beim Pflöggelesspiel

Hier sehen wir Rudolf, Heinz, Walter und Kurt bei den Frühjahrswettkämpfen. Von Dieter, unserem Fotographen, ist nur der Pflock zu sehen.

Ich denke wir wissen nun genug von den Teilnehmern, ihrem Dorf und der damaligen Zeit um sie auf ihrer ersten Großen Reise zu begleiten.


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