Shimano FH-M770, FH-M775 (XT ab 2008): Freilauf wieder zusammenfrickeln

Bei den genannten Hinterradnaben sterben die Sperrklinken weg wie die Fliegen (Zapfen zur Federeinhängung brechen ab). Die Reparatur eines Shimano-Freilaufs lohnt sich wegen des hohen Arbeitsaufwands normalerweise nicht, und einzelne Sperrklinken sind auch nicht erhältlich. Stattdessen wartet man normalerweise bis der Freilauf völlig hinüber ist und schraubt dann einfach einen neuen Freilauf an die Nabe. Dazu müssen "nur" Achse und Hauptlager entnommen und hinterher wieder eingebaut und eingestellt werden.
Aber der Freilauf kostet nur minimal weniger als eine komplette Nabe, aus der man zusätzlich noch Achse, Kugeln und Konen als Ersatzteile entnehmen kann. Problem: Von einer uneingespeichten Nabe bekommt man den Freilauf nicht ab, weil man die Felge zum Kontern bräuchte (mit Geschick kann man evtl. einen Hebel an die Bremsscheibenaufnahme basteln). Der Freilauf ist mit einer Hohlschraube an den Nabenkörper geschraubt (Teil Nr. 8 in der Explosionszeichnung, http://www.paul-lange.de/fileadmin/paullange/downloads/ARCHIV/FH/FH-M775.PDF, 14 mm Inbus, ca. 40-50 Nm).
Traditionell ist es bei Shimano empfehlenswert, in allen Laufradsätzen das gleiche Nabenmodell zu haben. Mit etwas Glück sind Nabe und Felge gleichzeitig verschlissen, und dann kann man eine Nabe ausschlachten um eine andere zu reparieren.

Wenn man viel Langeweile hat, kann man aber auch den Freilauf selbst öffnen und reparieren. Darum geht's hier.

Benötigtes Werkzeug

Freilauf öffnen

Wenn Hauptlager und Achse raus sind (Anleitungen im Internet), muss man noch eine Dichtscheibe aus dem Freilaufkörper entnehmen.
Bei meinen Naben war die Dichtscheibe wahrscheinlich falsch herum eingebaut, was die Schwergängigkeit erklärt. Die Dichtscheibe soll wahrscheinlich mit der Öffnung/Rille nach außen eingebaut werden. Das Gegenstück der äußeren Dichtung greift dann in die Rille hinein, und beide Dichtringe zusammen bilden eine Labyrinthdichtung. Demenstprechend gehört beim Einbau Lagerfett in die Rille der inneren Dichtung.

Dann sollte das Ganze so aussehen:


An den Nabenkörper geschraubt ist der Sperrklinkenträger, und direkt auf den Sperrklinkenträger ist mittels Linksgewinde die äußere Lagerschale geschraubt, die man mittels 2 Aussparungen zu fassen bekommt. Das offizielle Werkzeug ist das Shimano TL-FH40. Von Parktool gibt es imho auch etwas ähnliches. Man kann sich aber auch aus einem Stück Flachstahl o.ä. ein passendes Werkzeug zurechtfeilen. Hier die Anleitung vom TL-FH40:


Sobald die Schale gelockert ist, das Laufrad zuerst mit dem Freilauf nach oben zeigend auf eine Unterlage legen, auf der die Lagerkugeln nicht verloren gehen. Jetzt lässt sich die Schale per Hand (oder mit TL-FH40) ganz rausschrauben. Danach lässt sich der Freilaufkörper ganz abziehen. Neben der Schale, dem Freilaufkörper und 72 Lagerkugeln (36 innen, 36 außen) hat man als zusätzliche lose Teile die Zwischenlegscheiben, die sich zwischen Sperrklinkenträger und Schale befinden und teilweise extrem dünn sind. Das Lagerspiel des Freilaufs wird durch Weglassen/Hinzufügen der ganz dünnen Zwischenlegscheiben eingestellt.
Nach dem Einsammeln der 72 Kugeln kann man sich über die Sperrklinken her machen.

Freilauf zusammensetzen

Nachdem die defekten Sperrklinken ersetzt wurden, kommt die eigentliche Herausforderung: Alles wieder richtig zusammenbauen. Das Problem ist, daß die 36 Kugeln des inneren Lagers nicht gerne am Platz bleiben (Es können auch 35 oder 37 sein - je nachdem, wie viel reinpasst). Wenn man die Kugeln auf den Konus setzt, werden sie von der Dichtlippe des Freilaufkörpers verschoben. Setzt man die Kugeln in die Lagerlaufbahn des Freilaufkörpers, werden sie beim Aufstecken des Freilaufkörpers von den ausgefahrenen Sperrklinken verschoben.

Randbemerkung: Jawoll, ich verbaue teilweise 2 Speichenkopf-Unterlegscheiben pro Speiche. Dadurch wird die effektive Speichenlänge um 2 mm verkürzt, und ich muss Speichenlängen nur in 3-mm-Schritten vorhalten.


Eine Möglichkeit wäre, den Sperrklinkenträger von der Nabe abzuschrauben und die Kugeln von der "Rückseite" her einzusetzen (das dürfte die zuverlässigste Methode sein). Ein weiterer "Trick" besteht darin, die untere Feder auszuhängen und über die Sperrklinken zu stülpen, so daß die Sperrklinken eingedrückt werden:


Dann 36 Kugeln mittels Lagerfett in die innere Laufbahn des Freilaufkörpers kleben:


Jetzt kann man versuchen, den Freilaufkörper auf den Sperrklinkenträger mit eingefahrenen Klinken zu stecken. Die untere Feder wird dabei automatisch wieder in die vorgesehene Nut gedrückt, und mit etwas Glück bleiben alle Kugeln dort, wo sie hingehören.
Von jetzt an darf der Freilaufkörper keinen Millimeter von der Nabe entfernt werden, weil sonst die Kugeln in die falsche Position fallen könnten. Zum Testen der Lagerung den Freilauf in Freilaufrichtung drehen (und dabei gegen die Nabe drücken). Mit einer guten Lampe kann man dabei von oben den Sperrklinken beim arbeiten zusehen: Wenn ein Klinkenpaar eingerastet ist, befindet sich das andere Klinkenpaar genau zwischen den Einrastpunkten.
Jetzt kann man bei Bedarf etwas Leichtlauföl in den Sperrklinkenbereich träufeln.


Vor dem Einsetzen der Kugeln unbedingt erst mal die Zwischenlegscheiben wieder einsetzen! Die Zwischenlegscheiben verhindern, daß die Kugeln in den Bereich der Sperrklinken fallen können. Nach dem Einbau der Zwischenlegscheiben mit der Spitzzange die Kugeln in Position bringen:


Bild der Schale:


Zum Schluss die Schale wieder einschrauben (Linksgewinde) und dabei natürlich den Freilaufkörper festhalten. Im Schraubstock die Schale wieder fest ziehen.
Falls der Freilauf jetzt Spiel hat, die Schale wieder vorsichtig öffnen, mindestens einige Kugeln entfernen, eine dünne Zwischenlegscheibe entfernen, und dann Alles mit einer Zwischenlegscheibe weniger wieder zusammenbauen. Dann müsste das Spiel weg sein.

...und hinterher natürlich Hauptlager und Achse wieder einbauen und einstellen, aber dafür gibt's ja genug Anleitungen im Netz.

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