Kirchenmusik in Benediktbeuern

Geschichte der Benediktbeurer Kirchenmusik im 19. Jahrhundert

Die Vorgeschichte

Als im Jahr 1803 die Benediktinerabtei Benediktbeuern im Zuge der Säkularisation aufgelöst wurde, war das auch das vorläufige Ende der dort gepflegten Kirchenmusik. Die von der Aufhebungskommission vorgefundenen Noten wurden als wertlos erachtet und gingen in der Folgezeit verloren, so wie in fast allen anderen bayerischen Klöstern auch1. Wie reich das hiesige Musikleben zuvor war, lässt sich daher heute leider nur noch indirekt und lückenhaft erschließen.

Lediglich eine einzige Notenabschrift aus dem Kloster hat sich in der Handschriftensammlung des Kirchenchores Benediktbeuern erhalten2 (heute im Diözesanarchiv Augsburg). Es handelt sich dabei um eine Sammlung von sieben Ave Regina des Andechser Chorregenten Benedikt Holzinger (1747-1815) für vierstimmigen Chor, 2 Violinen, Viola, 2 Trompeten, 2 Hörner, Pauken und Orgel (und Bass) mit dem Vermerk: "Ad Chorum BB a[nno] 1799". Es befinden sich noch zwei weitere Manuskripte in der Handschriftensammlung des Chores, die vor 1803 entstanden sind: ein anonymes Te Deum in C-Dur von 17703 und eine Kopie des Graduale Sicut cervus ad fluenta in F-Dur von Michael Haydn aus dem Jahr 17804. Diese beiden Abschriften enthalten allerdings keinerlei Hinweise auf ihre tatsächliche Provenienz. Eine Herkunft aus dem ehemaligen Kloster ist daher nicht sicher - sie können auch nach 1803 nach Benediktbeuern und in den Notenbestand des Chores gelangt sein.

Von den Konventualen der Abtei Benediktbeuern sind nur sechs Kompositionen überliefert: Vier Werke aus der Feder von Martin (Anton) Gebhard, ein Requiem von Bonifaz Koller und ein Ave regina in Es-Dur des Laienbruders Columban Kern, die jedoch alle nur in Abschriften erhalten sind, die zum Teil erst Jahrzehnte nach der Klosteraufhebung angefertigt wurden.

Pater Martin Gebhard wurde 17705, nach anderer Quelle6 am 7. Dezember 1776 in Bernried am Starnberger See geboren. Am 19. April 1794 bat er um Aufnahme in das Kloster Benediktbeuern, die allerdings erst am 19. August 1795 bewilligt wurde. Nach seinen Novizat in Rott/Inn legte er am 17. September 1797 die Ordensgelübte ab und wurde am 19. September 1801 zum Priester geweiht. Nach der Säkularisierung verbrachte dann er kurze Zeit an der Universität Landshut, um Ende 1803 Pfarrer in Schlehdorf (in er Nachbarschaft von Benediktbeuern) zu werden. Später war er Pfarrer in Steindorf und Scheuring (beide südlich von Augsburg) und starb am 20. Januar 1836 in Landsberg/Lech6. Zum Zeitpunkt der Aufhebung des Klosters Benediktbeuern war er dort offenbar Chorregent. Wann die vier erwähnten Kompositionen entstanden sind, ist allerdings nicht gesichert. In der bisherigen Literatur7 ist fälschlicherweise von nur einer Komposition die Rede. Unter diesen ist zunächst die Kopie eines Salve Regina in G-Dur für Sopran oder Tenor ad lib. (es sind in der orginalen Stimmekopie beide Stimmen enthalten), Streicher, Orgel und Solo-Flöte8, die 1845 vom damaligen Benediktbeurer Pfarrer, Franz Joseph Notz angefertigt wurde und sich in der Benediktbeurer Sammlung befindet. 1977 erschien das Werk erstmals im Druck. Heute wird es durch die Edition Kunzelmann (Aldiswil, Schweiz) verlegt. Es existiert auch eine Einspielung in der CD-Reihe Musica Bavarica (MB 75109).

Neben diesem Salve Regina existiert noch eine Abschrift eines Domine Deus noster in G-Dur im Archiv des Katholischen Pfarramtes St. Mang in Füssen9, die Kopie einer Fuge in D-Dur in einer Sammlung von 30 Stücken für Tasteninstrumente mit dem Titel Choral=Vorspiele, für die Orgel und das Clavier in der Interim Leipziger Stadtbibliothek - Musikbibliothek, Leipzig10 und eine Deutsche Messe für die heilige Adventzeit. Componirt für vier Singstimmen mit Orgel=Begleitung im Kloster Ottobeuren11, von Letzterer ist allerdings nur eine textierte Orgelstimme erhalten, die Gesangspartien fehlen.

Leider ist für drei der vier Kompositionen Gebhards eine Entstehung im Kloster Benediktbeuern nicht gesichert, da sich Gebhard auch nach der Klosteraufhebung weiterhin mit Musik beschäftigte, die Werke also auch nach der Säkularisation entstanden sein konnten. Die Abschriften des Salve Regina in Bendiktbeuern und des Domine Deus noster in Füssen sind erst Mitte des 19. Jhs. angefertigt worden, und das Fragment der Messe in Ottobeuren ist undatiert. Lediglich für die Leipziger Fuge ist eine Entstehungszeit zwischen 1790 und 1799 sicher10. Unter den späteren Werken Gebhards befindet sich auch eine Oper mit dem Titel Jakob und seinen Söhne in Ägypten nach dem 1807 entstandenen Drama Joseph von Alexandre Duval12, die am 28 und 30. August 1816 in Dillingen aufgeführt wurde. Zu diesem Zeitpunkt er war Pfarrer in Steindorf. 1817 veröffentlichte er ein dreibändiges Werk über die Harmonie bei Macarius Falter in München mit dem Sammeltitel Harmonie. Erklärung dieser Idee in drey Büchern und Anwendung derselben auf den Menschen in allen Beziehungen. Der erste Band behandelt den Begriff der Harmonie in der Musik, der zweite in der Zeit und Zeitgeschichte und der dritte in der Philosophie13.

Wie bereits erwähnt, ist neben den vier Kompositionen Gebhards auch ein Requiem in c-moll (Missa de Requiem Ex C Molli à 4 vocibus 2 Violinis Con Organo)aus der Hand des Benediktbeurer Paters Bonifaz Koller erhalten. Die einzige existierende Abschrift befindet sich heute in Pécs (Fünfkirchen) in Ungarn, im Archiv der Kathedrale Peter und Paul und ist mit "1800" datiert14. Bonifaz Koller wurde am 25. November 1752 in Bad Tölz geboren. Während seines Sudiums in München wurde Hezog Clemens von Baiern auf ihn aufmerksam und bot ihm eine Anstellung bei Hofe an. Er zog jedoch das klösterliche Leben vor und legte 1773 in Benediktbeuern die Ordensgelübde ab. Dort war er Leiter des Seminars, wo er Unterricht in Musik und Literatur erteilte. Er wird auch als Verfasser und Komponist mehrer geistlicher Dramen genannt. Anfang 1799 wurde er Leiter des Kurfürstlichen Seminars in München, wo er am 12. April 1799 verstarb15. Das besagte Requiem ist also mit einiger Sicherheit in Benediktbeuern entstanden. Zwischen 1797 und 1799 war Koller als Leiter des Seminars mit Sicherheit auch Lehrer Gebhards, der zum Zeitpunkt der Klosteraufhebung ebenfalls Professor am Seminar war.

Als sechste erhaltene Komposition aus dem Kloster Benediktbeuern ist das oben erwähnte Ave regina für Chor SABT, zwei Violinen und Orgel (mit beziffertem Bass) in Es-Dur des Laienbruder Columban Kern (1741 - 1796) zu nennen. Eine Abschrift davon befindet sich in einer Sammlung von 129 Antiphonen verschiedener Herkunft im Archiv der katholischen Pfarrgemeinde Neu St. Johann in der Schweiz25. In der Sterberotel wird er auch als Komponist einer Messe, mehrer Antiphone und Psalmen genannt, von denen jedoch jede Nachricht fehlt. Gleiches gilt für eine deutsche Messe und ein Stabat Mater in deutscher Sprache des Paters U[da]lrich Waldenburger (1721 - 1783)26.

Die eingangs erwähnte Sammlung von sieben Ave Regina des Andechser Paters Benedikt Holzinger und die überlieferten Werke Bonifaz Kollers, Martin Gebhards und Columban Kerns sind die einzigen erhaltenen Belege für die Kirchenmusik in der ehemaligen Abtei Benediktbeuern. Der Umfang der dortigen Musikpflege lässt sich allerdings aus dem Umstand erschließen, dass Gebhard als regens chori 1803 der Aufhebungskommission Rechenschaft über insgesamt 70 Musikinstrumente - Trompeten, Hörner, Flöten, mehrere Paar Pauken und zahlreiche Streichinstrumente - ablegen mußte und diese aus Benediktbeuern nach München abgeliefert werden mußten16: Das war für die damalige Zeit ein gewaltiges Orchester. In der Folge der Säkularisation kam die Kirchenmusikpflege am Ort für die nächsten Jahre offenbar völlig zum Erliegen.

Die bereits erwähnte Sammlung von Notenhandschriften des Kirchenchores ist eine wertvolle Informationsquelle, in welcher Form Kirchenmusik in Benediktbeuern im 19. Jahrhundert ausgeübt wurde. Es lassen sich daraus zahlreiche Erkenntnisse gewinnen, speziell auch über die Wiederaufnahme einer regelmäßigen Kirchenmusikpflege in den Jahren nach 1803. Gedruckte Musikalien waren seinerzeit teuer und auf dem Land schwer zu bekommen. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein war daher für die Kirchenchöre das zeitraubende manuelle Abschreiben von Noten die übliche und oft auch einzige Möglichkeit, an Aufführungsmaterial zu gelangen. Wegen dieser mühsamen Beschaffung wurde in Benediktbeuern jeweils mindestens ein Stimmensatz archiviert. Als im Jahr 1952 in Paris das Répertoire International des Sources Musicales (Abkürzung RISM), das Internationales Quellenlexikon der Musik, ins Leben gerufen wurde, mit dem Ziel, alle Musikhandschriften und Musikdrucke weltweit systematisch zu katalogisieren, war die Benediktbeurer Handschriftensammlung noch komplett vorhanden. Sie wurde in zwischen 1957 und 1961 für dieses internationale Projekt erfasst und mit einer neuen Signatur versehen, die weltweit einheitlichen RISM Standards genügt (Bibliothekssigel: D-BB), und so der Musikwissenschaft zugänglich gemacht. Im Jahr 2001 wurde der aus 238 Konvoluten bestehende Notenbestand aus konservatorischen und auch aus Platzgründen in das Diözesanarchiv nach Augsburg verbracht.

Der Neuanfang

Aus der Benediktbeurer Sammlung gibt es für die Jahre unmittelbar nach der Säkularisation allerdings keinerlei Indizien, dass es über Gemeindegesang und Orgelspiel hinaus Musik in der Kirche gegeben hätte. Sie enthält zwar Manuskripte aus dieser Zeit, doch diese stammen entweder aus einer Schenkung von Musikalien aus dem Nachlass des Münchener Domkapellmeisters Erasmus Vogel (1760-1816) im Jahr 1864, oder ihre Datierung bzw. Herkunft sind unsicher. Der erste sichere Hinweis auf einen Versuch, die Kirchenmusik am Ort wiederzubeleben, ist eine am 10. März 1817 fertiggestellte Abschrift eines anonym verfassten Komm Heiliger Geist17 für vierstimmigen Chor, zwei Violinen, Viola, zwei Trompeten, Pauken und Orgel (sowie Violoncello/Kontrabass, deren Stimmen üblicherweise nicht extra notiert wurden, sondern mit dem Orgelbass identisch ist) aus der Hand des seit spätestens 1816 in Benediktbeuern tätigen Lehrers und "Aufschlageinnehmers" Alois Rockinger (1796 - 1879)18. Es ist jedoch nicht belegt, ob dieses Werk (zu diesem Zeitpukt) auch aufgeführt wurde.

Im Jahr 1819 entstand jedoch eine wahre Flut neuer Abschriften, die eindeutig in Benediktbeuern entstanden sind, die meisten aus der Feder Alois Rockingers, aber auch andere Kopisten waren nun beteiligt, und viele dieser Manuskripte tragen stolz den Besitzvermerk "Chor BB 1819" oder "Al Choro BB 1819". Man kann also mit Sicherheit die Wiederaufnahme der Kirchenmusik in Benediktbeuern auf das Jahr 1819 datieren, mit einer mutmaßlicher Vorbereitungzeit seit Ende 1818.

Am 31. Oktober 1818 hatte die Gemeinde einen neuen Pfarrer erhalten: Floridus Hottner. Der neue Seelsorger war am 5. November 1772 in Trugenhofen (etwa 10 km westlich von Neuburg an der Donau) geboren worden und als junger Mann in das für sein reges Musikleben bekannte Augustinerchorherrenstift Weyarn eingetreten, wo er am 12. Oktober 1794 das Ordensgelübde abgelegt hatte und am 1. Juli 1798 zum Priester geweiht worden war19. Neben dem Klosterorganisten Herculan Sießmayr und einigen weiteren Mitbrüdern war er dort u.a. für die musikalische Ausbildung der Novizen zuständig gewesen, tat sich aber auch als Komponist kirchenmusikalischer Werke hervor20. Nach der Klosteraufhebung fand er eine neue Stellung als "Officiator" an der Hofkirche St. Michael in München, wo er sich insbesondere einen Namen als Prediger machte: Er war einer der vier Festprediger im Rahmen der umfänglichen kirchlichen Feierlichkeiten anlässlich des 200jährigen Bestehens der Marianischen Kongregation und des 100. Jahrestages der Weihe der Bürgersaalkirche im Jahr 181021. Aber auch sonst war der neue Pfarrer kein Unbekannter. Felix Joseph Lipowskys Baierisches Musik-Lexikon aus dem Jahr 1811 vermerkt über ihn:

"Huttner [sic], (Floridus), erlernte die wissenschaftlichen und musikalischen Anfangsgründe im Kloster Weiern, woselbst er als regulirter Chorherr in der Folge aufgenommen wurde. Er ist ein vortrefflicher Klavierspieler, und der Verfasser mehrerer Messen, Litaneien und anderer Kirchenmusiken. Dermal ist er Prediger in der Königl. Hofkirche zum heil. Michael in München, und erbauet seine Zuhörer mit seiner gründlichen und sanften Beredsamkeit."22

Es ist augenscheinlich, dass Pfarrer Hottner das reiche Musikleben seiner bisherigen Wirkungsstätten auch in Benediktbeuern etablieren wollte. Kloster Weyarn ist das einzige der oberbayerischen Klöster, aus dem ein nennenswerter Teil seiner Musikalien erhalten geblieben ist, was eine Ahnung vom ungeheuren Umfang und der Qualität der dortigen Musikausübung vermittelt. Sankt Michael in München dagegen war in diesen Jahren unter seinem Organisten Kaspar Ett einer der Ausgangspunkte der Wiederbelebung alter Musik und der daraus resultierenden Kirchenmusikreformen des 19. Jahrhunderts. Legendär geworden ist die dortige Aufführung von Gregorio Allegris Miserere im Jahr 1816 - 13 Jahre vor Mendelssohns vielbeachteter Neuaufführung von Bachs Matthäuspassion. Alois Rockinger fand im neuen Pfarrer einen unermüdlichen Förderer und Forderer der Kirchenmusik. Der Rest des Jahres 1818 und der Beginn des Jahres 1819 waren offenkundig dem Aufbau eines leistungsfähigen Chores und Orchesters, deren Leiter Rockinger wurde, und dem Abschreiben von Noten gewidmet. Da auf den Noten zum Teil die Aufführungsdaten festgehaltenen wurden, wissen wir heute, dass spätestens ab Herbst 1819 in der Kirche zu Benediktbeuern mindestes alle zwei Wochen ein größeres orchesterbegleitetes Werk zur höheren Ehre Gottes erklang. Als Pfarrer Hottner am 12 Mai 1838 starb, betrug der Umfang des Handschriftenbestandes bereits weit über 200 Einzeltitel. Zum Aufbau dieses Bestandes hatte er nicht nur immer wieder auch eigenhändig zahlreiche Noten kopiert, sondern er hat ihn auch durch eigene Kompositionen bereichert: Eine Messe in B-Dur, ein Te Deum und ein Chorwerk mit dem Titel "O Gott, wir flehn zu dir", alle drei reich besetzt für vierstimmigen Chor mit Streichern, zwei Hörnern, zwei Trompeten, Pauken, Orgel/Bass und evtl. einer oder zwei Klarinetten. Leider sind diese drei Werke aus dem Bestand des Benediktbeurer Kirchenchores die einzigen, die der Nachwelt erhalten geblieben sind: Von den von Lipowsky erwähnten "mehreren Messen, Litaneien und anderen Kirchenmusiken" fehlt in den Archiven jede Spur.

Durch die Vermittlung Hottners gelangten auch Kopien und eigenhändige Autographe von Kompositionen früherer Mitbrüder und Wegbegleiter in die Benediktbeurer Handschriftensammlung, u.a. 15 Werke von Kaspar Ett, elf Werke von Herculan Sießmayr und acht von Benno Grueber. Viele dieser Komponisten waren seinerzeit von überregionaler Bedeutung, sind heute aber weitgehend vergessen. Hottners Nachfolger, Pfarrer Franz Joseph Notz, förderte die Kirchenmusik am Ort ebenfalls nachhaltig. Wie sein Vorgänger kopierte auch er eigenhändig Noten für den Chor, darunter auch das oben erwähnte Salve Regina von Pater Martin Gebhard, das so der Nachwelt ehalten blieb. Möglicherweise erfreute sich dieses in der ersten Hälfte des 19. Jhs. einer gewissen Beliebtheit am Ort, sodaß der ursprüngliche, vermutlich sogar als Autograph vorliegende Stimmensatz so abgegriffen war, daß er 1845 erneuert werden musste.

Um 1850 wurde Alois Rockinger durch den Lehrer Wolfgang Prennsteiner jun. als Chor- und Orchesterleiter abgelöst. Dieses Amt übte dieser vermutlich bis 1880 aus. Dies ist zumindest das Entstehungsjahr der letzten von ihm angefertigten Kopien. Prennsteiner jun. war der Vater des namensgleichen späteren ersten Dirigenten des örtlichen Musikvereins. Er entstammte einer musikalischen Lehrerfamilie aus Berchtesgaden, komponierte selbst, ebenso wie sein Vater, Wolfgang Prennsteiner sen., und bereicherte den Benediktbeurer Notenfundus sowohl durch eigene Werke als auch durch solche seines Vaters23.

Das Repertoire der Benediktbeurer Kirchenmusik in den Jahren zwischen 1819 und 1880 war fast durchgängig zeitgenössisch. Einige der wenigen Ausnahmen bilden einzelne Werke der Brüder Joseph und Michael Haydn. Kompositionen von W.A. Mozart z.B. gelangten erst in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. mit der bereits erwähnten Schenkung aus dem Musikaliennachlass von Erasmus Vogel in den Notenbestand. Die Vorlieben lagen dabei eindeutig bei Werken mit großer Orchesterbegleitung. Neben den üblichen Streichern und der Orgel waren in der Regel auch Pauken und Trompeten beteiligt, und oft auch noch zusätzlich Hörner oder Posaunen, Klarinetten und Flöten. Einzig Oboen und Fagotte fanden nur sehr vereinzelt Verwendung, sie scheinen am Ort schwer verfügbar gewesen zu sein. Aufgeführt wurden neben Werken von regional bedeutenden Komponisten wie Rochus Dedler, Franz Schnizer, Alois Bauer oder Franz Gleissner auch solche von seinerzeit vielgespielten Komponisten wie Anton Diabelli, Franz Danzi, Joseph Leopold Eybler, Robert Führer, Ignaz von Seyfried, Peter von Winter oder Carl Maria von Weber. Die G-Dur-Messe des letzteren, die sog. "Jubelmesse" gelangte bereits 1844, wenige Jahre nach ihrer Veröffentlichung in den Benediktbeurer Notenbestand. Wiederaufgeführt wurde sie vom hiesigen Kirchenchor erst wieder Ostern 2007.

Die Leistungsfähigkeit des in der Mitte des 19. Jahrhunderts etwa dreißigköpfigen Chores und des Orchesters muß hoch gewesen sein: So finden sich unter den erhaltenen Notenabschriften das Requiem c-moll von Luigi Cherubini oder die C-Dur-Messe op. 86 von Ludwig van Beethoven. Allerdngs finden sich auch Beispiele "Alter Musik" bereits zu einem frühen Zeitpunkt unter den Noten, wie etwa ein Miserere von Giuseppe Antonio Bernabei (*1649 in Rom; 9. März 1732 in München) oder ein Te Deum von Johann Adolf Hasse (1699-1783), was für einen "Dorfchor" der damaligen Zeit durchaus ungewöhnlich war. Es überrascht daher auch nicht, dass der Typus der "Ruralmesse", eine Ordinariumsvertonung mit kleiner Besetzung und niedrigem technischen Anspruch, "zum Gebrauche der kleinen Stadt- und Land-Chöre kurz und leicht componirt" keine sonderliche Rolle im Repetoire spielen, das war offenbar unter dem Niveau, dem man sich verpflichtet fühlte. Eine ebenfalls eher untergeordnete Rolle spielen Werke, die im Umkreis der kirchenmusikalischen Reformbewegung des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Nichtsdestoweniger sind auch eine Reihe von entsprechenden Werken in des Sammlung vorhanden. Die in dieser Reformbewegung anzutreffende (und oft missverstandene) Idealisierung der polyphonen a cappella-Musik des 16. Jahrhunderts und deren Ablehnung der figurierten, d.h orchesterbegleiteten Kirchenmusik war mit ihrem asketischen Intellektualismus dem ästhetischen Empfinden der Landbevölkerung offenbar fremd. Diese Feststellung lässt sich übrigens auch in fast allen anderen ländlichen Gegenden Süddeutschlands, Österreichs und Schlesiens treffen.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts werden die Notenabschriften seltener. Drucke wurden immer billiger und machten das mühsame Notenkopieren schließlich überflüssig. Am 13. Juli 1888 wurde die letzte sicher datierbare Abschrift dem Benediktbeurer Notenbestand zugefügt, ein Veni creator spirius für drei Männerstimmen von Joseph Hanisch24. Es existieren allerdings noch einige Manuskripte mit einer ungenauen Datierung zwischen 1850 und 1899 auf Basis des Wasserzeichens. Mit den letzten Abschriften reißen leider auch die Nachrichten über den Benediktbeurer Kirchenchor für etwa sieben Jahrzehnte ab. Dafür gibt es mehrere Gründe. Auf gedruckten Noten wird üblicherweise nicht vermerkt, wann sie angeschafft wurden und der Umstand, dass manche Ausgaben über Jahrzehnte unverändert verlegt werden, verhindert eine Datierung über das Publikationsdatum. Außerdem wurden wegen der leichten Wiederbeschaffbarkeit den gedruckten Noten nicht das gleiche Interesse entgegengebracht, wie den Handschriften, von denen jeweils ein ausführlich mit Kopist(en), Entstehungsdatum und gegebenenfalls Aufführungsdaten und weiteren Kommentaren und Hinweisen dokumentiertes Belegexemplar archiviert wurde. Darüber hinaus wurde im Chor, als Organ der Pfarrei, anders als in "normalen" Vereinen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts keine eigene Chronik geführt, und eine Pfarrchronik, die einen Tätigkeitsbericht des Chores enthält, existiert ebenfalls nicht.

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  1. R. Münster, Vorgeschichte und Ergebnisse der DFG-geförderten Musikhandschriften-Katalogisierungen in Bayern, in: S. Kellner, C. Büchele (Hrsg.) Entwicklungen und Bestände: Bayerische Bibliotheken im Übergang zum 21. Jahrhundert, S.18 ff, Wiesbaden 2003. Eine Aufstellung verlorener Partituren findet sich bei R. Münster, Kataloge bayerischer Musiksammlungen, Bd. 1, Musikhandschriften der ehemaligen Klosterkirchen Weyarn, Tegernsee und Benediktbeuern, S. 19-21, Duisburg, 1971 (KBM 1).
  2. ms D-BB 195.
  3. ms D-BB 338.
  4. ms D-BB 335.
  5. R. Münster, KBM 1, l.c.; R. Eitner, Biographisch-bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten der christlichen Zeitrechnung bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, Bd. 4, S. 187, Leipzig 1901
  6. J. Hemmerle, Das Bistum Augsburg: Die Benediktinerabtei Benediktbeuern, S. 698, Berlin, 1991.
  7. J. Hemmerle, l.c., S. 279.
  8. ms D-BB 150. Hemmerle (l.c., S. 279) vermutet den Verbleib der Kopie irrtümlicherweise in Wasserburg. Sie befindet sich jedoch definitiv in der Handschriftensammlung des Benediktbeuerer Kirchenchores.
  9. ms D-FÜS 137, Kopist Johann Baptist Lob, 1860.
  10. ms D-LEm/ PM 174, RISM-Datierung "1766-1799"; Aus den Lebensdaten von Martin Gebhard läßt sich allerdings ableiten, daß diese Abschrift kaum vor 1790 entstanden sein kann.
  11. ms D-OB/ MO 427/10
  12. Das Libretto wurde verlegt bei Franz Roßnagel, Dillingen, 1816. Als Digitalisat online zugänglich bei der Bayerischen Staatsbibliothek (abgerufen am 17.09.2012). Das zugrundeliegende Drama von Duval wurde unter dem Titel Joseph et ses frères auch von Étienne-Nicolas Méhul vertont.
  13. Als Digitalisat online zugänglich bei der Bayerischen Staatsbibliothek: Band 1, Band 2 und Band 3 (abgerufen am 17.09.2012).
  14. ms H-P/ K 16
  15. F. J. Lipowsky, Baierisches Musik-Lexikon, S. 156, München 1811; R. Eitner, Biographisch-bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten der christlichen Zeitrechnung bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, Bd. 5, Leipzig 1901.
  16. Klosterliteralien Fasz. 115, Nr. 57, zitiert nach J. Hemmerle, l.c., S. 280, Berlin, 1991.
  17. ms D-BB 319.
  18. G. D. Roth, Joseph von Fraunhofer, S. 80, Stuttgart, 1976; Finanz-Ministerialblatt für das Königreich Bayern, Jg. 1869, S. 288. Alois Rockinger erhält am 29. Oktober 1869 für seine "53-jährige treue und eifrige Dienstleistung die Ehrenmünze des k[öniglichen] Ludwigsordens" verliehen.
  19. R. Münster, KBM 1, l.c.
  20. MGG 2, Sachteil Bd. 9, Sp. 2002, Kalsruhe, 1998.
  21. K. Riester, F. Hottner, M. Hauber, und S. Bacher, Vier Predigten, gehalten an der Gedächtniß=Feier des zweyhundertjährigen Jubiläums der Marianischen Congregation der Herren und Bürger in München, München 1811.
  22. F. J. Lipowsky, Baierisches Musik-Lexikon, S. 133, München 1811
  23. Insgesamt neun Kompositionen: ms D-BB 256 - ms D-BB 261
  24. ms D-BB 168
  25. ms CH-NSJp ms 4 (ms 10890)
  26. Klosterliteralien Fasz. 120, zitiert nach J. Hemmerle, l.c.